leuchtturm_
Fünf Grundregeln für Gespräche mit Betroffenen von
Gewalt und sexuellen Grenzverletzungen


Home

erste Hilfe

5 Regeln

Information

über diese Seite

Kontakt

Impressum


1. Seien Sie präsent.

2. Achten Sie auf sich selbst.

3. Fragen Sie nach Bedürfnissen.

4. Bauen Sie Brücken.

5. Kommentieren Sie nicht.

Wenn Sie diese Regeln zitieren, bitte  folgende Quelle angeben:
Treibel, Angelika (2015).  Fünf Grundregeln für Gespräche mit Betroffenen von Gewalt und sexuellen Grenzverletzungen.
[online im Internet]: www.sexuelle-gewalt.de/fuenf.html























































Erläuterung der Regeln:

Grundsätzliches
Die "5 Regeln" sind "Meta-Regeln". Das heißt, sie sind losgelöst von den konkreten Inhalten eines Gesprächs, beschreiben eher "Haltungen".

Die 5 Regeln dienen dazu, 
  • das Gespräch für die/den Betroffenen hilfreich zu gestalten, 
  • Sie als Gesprächspartner/in zu schützen und 
  • die/den Betroffenen zu schützen.
Die 5 Regeln zielen darauf,
  • weitere Unterstützung für die/den Betroffenen zu ermöglichen und
  • dazu beizutragen, die Bewältigung des Geschehenen zu stärken. 
Die 5 Regeln beziehen sich beispielsweise auf Gesprächssituationen, in denen  jemand spontan über erlittene Gewalt oder einen sexuellen Übergriff berichtet. Wenn Sie Gespräche mit Betroffenen in einer klar definierten professionellen Rolle führen, dann ergeben sich weitere bzw. andere Regeln aus dieser professionellen Rolle heraus.

zu Regel 1: Seien Sie präsent.
Die vielleicht wichtigste Regel. Seien Sie präsent und mit Ihren Sinnen aufmerksam für die konkrete Situation und Ihr Gegenüber. Betroffene spüren meist, ob jemand wirklich anwesend ist oder nicht.  Sie müssen nichts tun oder leisten, aber eben für die/den Betroffene/n in der Situation anwesend und ansprechbar sein. Hören Sie einfach zu. Seien Sie aufmerksam für das, was Ihnen mitgeteilt wird, ohne es zu bewerten oder in Frage zu stellen.
Beispiel: Es kann wichtiger sein, ein Taschentuch  reichen, wenn jemand weint, als etwas "Schlaues" zu sagen.

zu Regel 2: Achten Sie auf sich selbst.
Es ist hilfreich, wenn Sie im Kontakt mit sich selbst  bleiben und sich nicht in der Situation "auflösen". Wenn Sie gemeinsam mit der betroffenen Person psychisch "abstürzen", ist das vielleicht solidarisch, aber für beide nicht hilfreich. Achten Sie auf Ihre Grenzen. Machen Sie transparent, wie es Ihnen geht, wenn die Situation es erfordert. Formulieren Sie dabei "Ich-Botschaften".  
Beispiel: Wenn Sie nach zwei Stunden am Telefon völlig am Ende von Konzentration und Energie sind, ist es sinnvoll, das transparent zu machen, z.B. durch die Mitteilung: "Ich merke, dass ich mich jetzt nicht mehr richtig konzentrieren kann und müde werde. Ich würde jetzt gerne absprechen, wie es weiter gehen kann und unser Gespräch dann für heute  beenden."
Wenn Sie eine Betroffene/n über längere Zeit begleiten, können Sie sich zu Ihrer Entlastung selbst psychologische Hilfe in einer allgemeinen psychologischen Beratungsstelle suchen oder auch in einer Fachberatungsstelle (s. Punkt 4).

zu Regel 3: Fragen Sie nach Bedürfnissen.
Jeder Mensch ist anders. Auch wenn es typische Bedürfnisse von Betroffenen gibt, können Sie nicht wissen, was eine Person in einer konkreten Situation braucht, wenn sie es nicht direkt äußert. Es kommt leider häufig vor, dass danach nicht gefragt wird. Dies gilt insbesondere auch für Kinder. Auch als profesionelle Person können Sie nicht wissen, was dieser konkreten Person in dieser konkreten Situation hilft.
Beispiel: Fragen Sie ganz direkt: Was kann ich tun, um Dich/um Sie zu unterstützen? Was brauchst Du/was brauchen Sie jetzt im Moment?  

zu Regel 4:  Bauen Sie Brücken.
Ihr Gespräch ist irgendwann beendet. Es ist hilfreich, gemeinsam zu besprechen,
a) was die/der Betroffene direkt nach dem Gespräch macht und
b) eine mittelfristige Perspektive (nächste Tage/Wochen) zu besprechen.
Beispiel: zu a): Wenn ich jetzt den Hörer auflege, was machst Du/was machen Sie dann? Wenn Du nachher zu Hause ankommst/wenn Sie nachher zu Hause ankommen, was machst Du/was machen Sie dann?
zu b): nach Absprache mit der/dem Betroffenen Weitergabe der Telefonnummer einer Hilfeeinrichtung und Klärung der Frage, wann sie/er dort anruft.
Fachberatungsstellen finden Sie auf http://www.sexuelle-gewalt.de/links.html.
Rund um die Uhr erreichbar ist die Telefonseelsorge http://telefonseelsorge.de/.

zu Regel 5: Kommentieren Sie nicht.
Betroffene sind häufig sehr sensibel und hellhörig, was die Bewertung ihres eigenen Verhaltens betrifft. Alles im Sinne von "das hast Du/das haben Sie super gemacht" oder "warum hast Du/warum haben Sie das so gemacht" oder "hättest Du/hätten Sie nicht" sind potenziell dazu geeignet, bei den Betroffenen Verunsicherung und Grübeln zu verstärken. Auch Anmerkungen wie "er (der Täter) ist einfach ein .....xxx" können Betroffene in innere Konflikte bringen, weil es gerade das ist, was sie nicht empfinden können, obwohl sie denken, es zu müssen. Sie als Gesprächspartner/in sind nicht die Instanz, die darüber zu  entscheiden hat, was richtig und falsch ist. Wenn Sie etwas bewerten, dann formulieren Sie das als ihre eigene, subjektive Sichtweise, mit der Sie auch daneben liegen können. 









letzte Aktualisierung am 29.05.2017
www.sexuelle-gewalt.de
Zur "Geschichte" dieser Regeln:

In den vielen Gesprächen im Rahmen meiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten habe ich über die Jahre erfahren, wie unterschiedlich Betroffene sind und wie unterschiedlich Gespräche verlaufen. Und dass diese Unterschiedlichkeit eine Quelle unendlich vieler Formen von Umgang und Bewältigung darstellt, die mich immer wieder beeindruckt und berührt hat. Die fünf Regeln fassen zusammen, was ich als wesentlich und hilfreich in der Gesprächsführung mit Betroffenen erlebt habe und erlebe.

Ich danke den Studierenden der "Lern- und Forschungswerkstatt Opferschutz" (WS 2015) der Hochschule Mannheim, die mich durch ihre Fragen angeregt haben, diese Regeln aufzuschreiben.

Dipl.-Psych. Dr. Angelika Treibel